
Moderator: Conny
www.tischtennis-inside.de: Dem Tischtennis steht eine technische Revolution unmittelbar bevor. Nach einer über ein Jahrzehnt dauernden Debatte beschließt der Rat der Direktoren des Weltverbandes ITTF am Freitag am Rande der WM voraussichtlich die Einführung des so genannten Frischklebe-Verbotes schon zum 1. September statt wie im Vorjahr beschlossen erst ein Jahr später.
Nachdem in Japan ein Hobby-Spieler durch die Verwendung der als gesundheitsgefährdend eingestuften "flüchtigen organischen Lösungsmittel" in den handelsüblichen Klebern für die Beläge einen allergischen Schock erlitten hatte und zur Behandlung im Krankenhaus mehrere Tage in ein Koma versetzt worden war, sieht ITTF-Präsident Adham Sharara keine Alternative zur faktischen Umsetzung des Verbots unmittelbar nach der WM: "Es wäre unverantwortlich, nicht zu reagieren."
Durch das Frischkleben "schwimmen" die Beläge auf den Hölzern, so dass beim Balltreffpunkt ein Katapulteffekt entsteht und die Spieler dem Zelluloid somit noch mehr Rotation verleihen können. Beim Klebe-Vorgang treten jedoch Gase aus, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können. Vor diesem Hintergrund steht der Tischtennis-Sport auch durch die "Agenda 21" in der Umwelt-Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die sämtliche Gefährdungen der Gesundheit durch die Ausübung eines olympischen Sports verbietet, unter Zugzwang.
Bei den Spielern löst die Aussicht auf eine massive Umstellung ihrer Spielweise ein geteiltes Echo aus. Europameister Timo Boll (Gönnern) plädiert weiterhin für ein Verbot erst nach Olympia 2008: "Die Vorbereitung auf Peking beginnt ja nicht erst nach der Sommerpause, sonder läuft schon längst. Das Verbot würde eine große Veränderung bedeuten." Sein Material-Ausrüster arbeitet zwar wie auch die meisten anderen Hersteller weltweit auch schon seit längerer Zeit an Ersatzlösungen und hat die Alternativen auch schon in seinem Sortiment, doch Erfahrungen besitzt Boll damit noch keine: "Ich habe das bisher nicht getestet."
Sein Doppel-Partner Christian Süß hingegen gehörte sogar zu den rund um den Globus nur sieben Spielern, die der ITTF schriftlich ihre Bereitschaft zum Umstieg auf unbedenkliche Mittel bestätigten. "Meine Versuche mit der neuen Technologie haben gezeigt, dass die neuen Kleber den bisherigen in ihrer Wirkung schon sehr nahe kommen."
Das ist auch Shararas allgemeiner Eindruck. "Bis auf einen Hersteller aus China haben mir alle Firmen bestätigt, dass das Verbot kommen kann. Außerdem haben inzwischen auch zuverlässige Kontrollgeräte, so dass wir unseren Beschluss von 2006 zur Verschiebung des Verbots auf 2008 wieder rückgängig machen können."
Negative Auswirkungen auf das Spiel erwartet der Kanadier nur in den ersten Wochen nach Inkrafttreten des Verbots. "Bei der Einführung des größeren Balles und der Zählweise bis elf haben zuerst auch viele Spieler geschimpft, inzwischen ist das kein Thema mehr, und Tischtennis bewegt sich auf dem höchsten Niveau aller Zeiten. So wird das auch beim Frischklebe-Verbot sein. Wir fallen für kurze Zeit vielleicht noch einmal um ein Jahr zurück, werden das aber wieder schnell aufgeholt haben", sagte Sharara in Kroatien.
An seinem unerschütterlichem Standpunkt lässt Sharara keinen Zweifel: "Das Schlimmste, was passieren kann, ist doch nur, dass Boll einen Topspin mehr ins Netz schlägt oder ein Wladimir Samsonow in der ersten Runde ausscheidet. In Zagreb ist aber auch ein Spieler wie der frühere Weltmeister Werner Schlager in der ersten Runde ausgeschieden. Die wahre Katastrophe dagegen wäre, wenn noch einmal etwas passiert und eine Verbindung zum Frischkleben nicht auszuschließen wäre. Das wäre bei der Abwägung der Risiken das falsche Risiko."
Beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) erwartet Präsident Thomas Weikert allerdings Probleme. "Grundsätzlich sind wir auch für das Verbot. Das Problem ist nur der entstandene Zickzack-Kurs. Ich sehe momentan große Schwierigkeiten, das Verbot in der Kürze der Zeit umzusetzen", meinte der Verbands-Chef mit Blick auf die noch nicht festgelegten Kontroll-Vorschriften. DTTB-Generalsekretär Matthias Vatheuer hatte jedoch bereits im WM-Vorfeld angedeutet, dass die Einhaltung des Verbots künftig ab Oberliga aufwärts verbindlich und in den unteren Klassen in Stichproben überprüft werden soll.
In zehn Jahren muß Timo B. dann wohl unter Tränen
in irgend einer Pressekonferenz das Geständnis ablegen gedopt bzw. geklebt zu haben .... Parallelen zum Radsport scheinen ausdrücklich erwünscht.....
DTTB-Amtlich
Erläuterungen zur neuen Kleberegelung der ITTF
Die ITTF hat anlässlich der WM in Zagreb eine Modifizierung der Regelung zum Kleben beschlossen.
Zielrichtung der ITTF ist der Gesundheitsschutz aller Tischtennis-Spieler, da die gängigen Kleber, wenn auch nur in geringem Maße, Lösungsmittel enthalten, die möglicherweise zu Gesundheitsschäden führen können. Gleichzeitig will man aber im Hinblick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 2008 in Peking die Bedingungen für die Spieler nicht grundlegend verändern.
Die ITTF hat daher Folgendes beschlossen:
Ein Verbot der Verwendung lösungsmittelhaltiger Kleber sollte bisher zum 01.09.2008 greifen. Neu ist, dass die ITTF-Zulassung für alle Kleber mit Wirkung vom 25.05.2007 ausgesetzt wurde. Zudem ist die Verwendung von Klebern, die schädliche Lösungsmittel enthalten, ab sofort verboten, ohne dass allerdings kontrolliert wird. Ab sofort heißt hier ab Veröffentlichung der neuen Regelungen durch die ITTF. Am Wortlaut wird derzeit bei der ITTF gearbeitet.
Die ITTF plant, kurzfristig eine Liste mit Klebern zu veröffentlichen, die solche enthält, die von den Herstellern als ungefährlich eingestuft werden.
Kontrollen auf die Verwendung von sog. flüchtigen organischen Lösungsmitteln wird die ITTF bei Erwachsenveranstaltungen ab 01.09.2008, wie im bisherigen Beschluss, und bei Jugendveranstaltungen ab dem 01.01.2008 durchführen. Die Kontrollen auf die Verwendung von Klebern, die als extrem ’giftig’ gelten und die bereits seit längerem verboten waren, werden weiterhin durchgeführt.
Dies heißt konkret, dass international bis zum 01.09.2008 (Jugend 01.01.2008) mit den zuletzt genehmigten Klebern weitergeklebt werden kann, allerdings auf eigene Gefahr der Spieler.
Der DTTB ist gehalten, diese Regelungen für seinen Bereich umzusetzen.
Das Präsidium hat beschlossen, dass bis zum Saisonende 2006/2007 (30.06.07) die bisherige DTTB-Regelung weiter Gültigkeit besitzt. Dies bedeutet, dass die Kleber, die in dieser Spielzeit bis zum 25.05.2007 zugelassen waren, bis 30.06.2007 weiterhin verwendet werden dürfen, allerdings auf eigene Gefahr. Es muss zudem weiterhin außerhalb umschlossener Räume geklebt werden.
Eine Regelung für die neue Spielzeit inkl. entsprechender Bestimmungen zur Kontrolle wird der DTTB beschließen, sobald der exakte Wortlaut der neuen ITTF-Regel vorliegt.
In jedem Fall empfiehlt der DTTB allen Spielern auf die Verwendung von sog. Frischklebern ab sofort zu verzichten und schon jetzt auf andere Kleber (z.B. Folie oder wasserlösliche Kleber) umzustellen.
Leitlinie für die kommende Regelung und die dazugehörigen Kontrollen ist die Ausschaltung selbst geringer Risiken für die Gesundheit unserer Spielerinnen und Spieler, verbunden mit der notwendigen Praktikabilität in der Umsetzung. Auch zukünftig wird aber ein hohes Maß an Eigenverantwortung der Spieler notwendig sein. Von daher appelliert der DTTB schon jetzt an alle Spieler, Trainer und Betreuer, die kommende neue Regel zu respektieren und Gesundheitsrisiken zu vermeiden, selbst wenn diese gering erscheinen.
Frankfurt am Main, den 05.06.2007
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